Umgehe die Angst

Warum sind Sie nicht nach Kuta gegangen?” fragt ihn der Heiler.*
Diese Frage bringt Julien in Erklärungsnot”,

Julien hatte den Heiler aufgesucht, obwohl ihm nichts fehlte.
Nach einer kurzen Untersuchung bestätigte der Heiler, dass Julien kerngesund ist.
“Aber…”, so fuhr er fort “…Sie sind nicht glücklich.” Daher kam auch der Schmerzpunkt am Zeh, der Julien aufschreien liess, als der Heiler ihn berührte.

Am Ende dieses ersten Gespräches erhielt Julien den Auftrag nach Kuta ins Kino zu gehen.
Er solle sich einen Film mit seiner Lieblingsschauspielerin Nicole Kidman ansehen und ihr Äusseres genau so kritisch betrachten, wie er das bei sich tat.
Julien werde auffallen, so prophezeite der Heiler, dass selbst diese schöne Frau, keineswegs einen perfekten Körper hat, sondern ihren Erfolg ihrer Ausstrahlung verdankt.

Nun beim zweiten Gespräch versucht Julien zu begründen, warum er nicht ins Kino gegangen war.
Er sei müde gewesen behauptet er.
Doch der Heiler gibt sich damit nicht zufrieden und fragt ganz direkt:
“Wovor hatten Sie Angst?”
Julien fühlt sich durchschaut und staunt, dass der Heiler in ihm liest wie in einem offenen Buch.

 

Wie Angst uns steuert

Bevor der Heiler ihn nach seiner Angst fragte, hatte Julien seine Angst gar nicht bemerkt.
Er verspüre nur Unlust, die Aufgabe zu erledigen und fand eine andere Aktivitäten wichtiger und reizvoller.

Wie Julien so nehmen auch wir unsere Angst oft nicht wahr.
Vielleicht reden wir davon, dass uns etwas Sorgen macht oder missfällt.
Oder wir können uns nicht motivieren etwas zu erledigen.
Spontan überfällt uns der Impuls etwas anderes zu tun.
Wir schieben Dinge auf und lassen uns ablenken.

Als Julien dem Heiler vom Traum eines eigenen Fotostudios erzählt, fragt dieser “Was hindert Sie daran?”
Julien erzählt von seiner Befürchtung nicht die nötigen Fähigkeiten zu haben.
Wieder war ihm nicht klar, dass ihn die Angst davon abgehalten hatte seine Träume wahrzunehmen und zu verwirklichen.
Weil er die Angst nicht erkannte, steuert sie ihn.

Kernkompetenz Angstbewältigung

Die wenigsten Menschen die ich kenne geben zu vor etwas Angst zu haben.
In unserer Kultur ist es verpönt.
Es gilt als Schwäche.
Deshalb lernten wir die Angst zu verbergen.
Vor anderen und leider auch vor uns selbst.
Denn  Angst wahrzunehmen und mit ihr so umzugehen, dass sie Deiner Sicherheit dient, Dich aber nicht mutlos und handlungsschwach macht, ist meiner Ansicht eine Kernkompetenz, um die eigenen Lebensziele zu finden und zu verwirklichen.
Die gute Nachricht ist: das
 kann man lernen.

Auch Angsthasen können mutige Schritte wagen

Immer wieder sagen Menschen zu mir “Du bist mutig”.
Immer wieder irritiert mich das, weil ich mich oft unsicher fühle und meine Ängste spüre.
Weil ich mich von meinen Ängsten nicht abhalten lasse, wirke ich auf andere offenbar mutig.

Ja es stimmt, ich tue Dinge, die mir Angst machen.
Denn ich weiss, wie ich dafür sorgen kann, dass ICH die Angst habe und nicht die Angst MICH.
Die Methoden dafür will ich Dir hier gerne verraten.

 

1. Spüre Deine Ängste!

Wie bei Julien deutlich wurde: wer seine Angst nicht spürt, nicht wahrnimmt wo sie sitzt und wo sie hindrängt, kann nicht bewusst auf sie reagieren.
Nur wer die Angst HAT, kann mit ihr umgehen.
Nur wer sie HAT, kann sie umgehen und allen Ängsten zum Trotz seine Träume verwirklichen.

Auch ich war früher nicht gut darin meine Angst wahrzunehmen.
Etwas Übung ist notwendig um das wieder zu lernen:

Wahrnehmungstraining:
Notiere auf einem Notizzettel oder -block  die Worte wie “erschrocken”, “ängstlich”, “besorgt” und “panisch”.
Überprüfe einmal (wenn Du willst mehrmals) pro Tag, ob eines dieser Gefühle im Moment zutrifft.
Lass Dir ein paar Augenblicke Zeit den Gefühlen nachzuspüren.
Du findest sie im wirren Geplapper Deines Hirns, dem Klos im Hals, den zittrigen Knien, unruhigen Händen, dem pochenden Herzen.
Sei einfach aufmerksam dafür, dass Angst da sein könnte.
Anfangs ist es vielleicht etwas anstrengend, weil Du scheinbar nichts fühlst.
“Aller Anfang ist schwer”, sagt das Sprichwort “…aber nur der Anfang… ” ergänzte Vera Birkenbihl.
Recht hat sie.

 

2. Konzentriere Dich auf Aufgaben statt Fantasien

Unsere Fantasie, unsere Gedankenwelt kann sich die schlimmsten Szenarien ausmalen.
Diese Gabe sollten wir nutzen – fürs Zeichnen, Schreiben und Geschichten erzählen.
Für den Umgang mit Angst ist sie ungeeignet.
Hier sind Fakten und Realitätssinn hilfreicher.

Um mein Hirn zu hindern sich in Angstfantasien zu stürzen, muss ich es beschäftigten.
Ich muss meinen Kopf Arbeit geben.
Wenn ich ihm nicht sage, was er mir liefern soll, schaltet er bei Angst auf Autopilot und malt sich die “Gefahren” in den prächtigsten Farben aus:

  • Das Fotostudio führt ins finanzielle Desaster.
  • Freunde und Familie spotten oder machen mir Vorwürfe.
  • Ja, die ganze Welt wird mir sagen wollen, wie dumm meine Entscheidung war.

So die Angstfantasien.
Bei solchen Gedanken wird meine Angst so intensiv, dass ich mich nicht mehr aus dem Haus traue, geschweige denn einen Traum verwirkliche und mir – zum Beispiel – ein Fotostudio einrichte.

Also gebe ich meinem Hirn einen Auftrag. Es soll

  • echte Gefahren wahrnehmen
  • konkrete Risiken einchätzen und 
  • mögliche Lösungsvorschläge entwickeln.

 

Beschäftige Dein Hirn mit Arbeit – ein Beispiel vom Trans Swiss Trail

Ich war Ende September am späten Nachmittag von Emmetten unterwegs zur Risletenschlucht.
Nach einem herrliche Blick in die Schlucht entschied ich nicht nach Emmetten zurück zu kehren, sondern weiter Richtung Seelisberg zu laufen.
Doch es wurde viel rascher dunkel als ich es erwartet hatte.
Bald  ahnte ich: Ich würde es nicht vor Einbruch der Dunkelheit bis nach Seelisberg schaffen.
Das war kritisch, denn auf dem schmalen Pfad, im steilen Gelände durch die Schlucht hinauf, würde ich bei Dunkelheit keinen Schritt mehr weitergehen können. Die Absturzgefahr wäre zu gross.
Das bedeutet: eine Nacht im Wald verbringen. Ohne Taschenlampe, Feuer und warme Kleidung und Schlafsack.
Frieren war garantiert.

“Beeil Dich! Beeil Dich!” trieb mich die Angst an.
Angst ist ein guter Antreiber aber ein schlechter Ratgeber. Deshalb zwang ich mich stehen zu bleiben um in Ruhe nachzudenken.
“Sag mir was Sache ist”, sagte ich zu meinem Hirn.
Es lieferte folgende Fakten:

  • Nach Beckenried abzusteigen, wäre vor einer halben Stunde noch möglich gewesen. Doch nun war ich davon zu weit entfernt.
  • Emmetten war nicht weit entfernt, aber den gleichen Weg zurück zu gehen war ausgeschlossen. Garantiert würde ich auf diesem Weg im dunklen Wald stecken bleiben.
  • auf der Wanderkarte war keine andere Abzweigung nach Emmetten eingezeichnet. Trotzdem könnte es auf meinem aktuellen Weg eine geben. Vielleicht könnte ich oberhalb der Schlucht auch querfeldein gehen. 

Soweit die Risikoanalyse.
Die wichtigste Erkenntnis war:
die Zeit gut nutzen und Ruhe bewahren sind im Moment die wichtigsten Erfolgsfaktoren:

  • je rascher ich voran kam, um so höher war die Chance auf einen breiteren Weg zu kommen auf dem ich auch im Dunkeln weitergehen kann.
  • Liess ich mich von der Angst hetzen, könnte ich stolpern, mich verletzten oder abrutschen.

Ab und zu sendete mein Hirn trotz klarem Arbeitsauftrag ein paar Angst-Fantasien. Es malte mir aus, wie ich 

  • am Boden des Waldhanges sitze und zitternd vor Kälte den Morgen abwarte
  • von einer Rettungsmannschaft aufgegabelt werde und eine Lungenentzündung diagnostiziert wird
  • aus Angst vor den unbekannten Geräuschen im Wald durchdrehe.

Zwar werde ich nicht vom Wolf gefressen, aber vom Fuchs zu Tode erschreckt. Das ist ungefähr dasselbe 🙂 .

“Nicht dahin schauen”, ordnete ich an. “Ich will nur Fakten!”.
Fakten?
Fakt ist: es ist möglich, dass ich abrutsche, abstürze, mich verletzte oder – wenn es ganz dumm geht – mein Leben verliere.
Hier in der Risletenschlucht.
Das kann mir aber auch zu Hause auf der Strasse oder im Badezimmer passieren.

 

Blicke in den Abgrund der tiefsten Angst

Früher meinte ich, wenn ich ausblende, dass mir wirklich etwas passieren könnte, helfe das bei der Angstbewältigung.
Doch b
ei Hanne Baar lernte ich im Psychologie-Studium:
wir bringen uns vor allem dann in Schwierigkeiten, wenn wir etwas um jeden Preis vermeiden wollen.

Will ich um jeden Preis vermeiden, dass ich im dunklen Wald eine Nacht ohne passende Ausrüstung verbringen muss oder dass ich abrutsche oder mich verletzten oder Schlimmeres, dann bin ich in der Abwehr.
Das ist eine Position der Schwäche.
Das ist wie Herumfuchteln gegen einen unsichtbaren Gegner.

Wenn ich akzeptiere, dass etwas passieren kann, bin ich auf dem Boden der Tatsachen.
Darauf kann ich stehen.
Ich akzeptiere dass das kommen wird, was kommen wird.
Dagegen brauche ich nicht anzukämpfen.
Das ist Stärke.
Denn nun muss ich nicht kämpfen, sondern kann loslassen und mein Bestes tun, um die Situation so gut wie möglich zu meistern.

Ich schlage vor:
Gewöhne Dich an den Blick in den Abgrund und akzeptiere, dass es keine Garantie dafür gibt, dass Dir nichts passiert.
Sei Dir aber auch im Klaren: mit Ruhe und entschlossenem Handeln lässt sich vieles meistern.

Bestimme den Preis des Vermeidens

Es gibt noch einen Fakt:
Risiken einzugehen ist gefährlich.
Aber Risiken zu vermeiden ist tödlich.

Hören wir zu sehr auf unsere Ängste, schränken wir unseren Radius ein.
Wenn wir zu oft ausweichen, weil uns etwas Angst macht, erleben wir keine Abenteuer mehr.
Dann sind wir vielleicht sicher. Aber auch unglücklich.

Stell Dir vor, Du bist 98 Jahre alt und hast in den letzen 50 Jahren in Deinem sicheren Hafen gelebt und nichts mehr riskiert.
Wie fühlt sich das an?

Also frage Dich: welchen Preis zahle ich, wenn ich das was ich will aus Angst nicht tue? Was werde ich mit 98 bedauern?

3. Gehe entschieden und achtsam voran

Die Fakten im Fall Emmetten liegen nach der Hirn-Arbeit klar vor mir.

Jetzt brauche ich den Rat meines Bauchgefühls, denn meine Intuition weiss mehr als mein Hirn.
Noch schwanke ich zwischen Absteigen und weiter gehen.
Doch dann entscheide ich: “
Ich laufe weiter Richtung Seelisberg. Ich habe Hoffnung, dass ich eine Abzweigung und einen Weg aus dem Wald finde.”
Jetzt heisst es schnell sein.
Aber nicht zu schnell.
Ich muss mich an ein Tempo halten, dass ich für eine Stunde durchhalten kann.
Und ich muss sicher voran gehen.
Mein Hirn muss für Konzentration und Sicherheit sorgen.
Keine Hektik.
Keine Schusseligkeit.
Kein Dramatisieren schlimmster Szenarien.
Konzentriertes rasches Aufwärtssteigen. Das ist der Fokus.

Angst ist immer zukunftsbezogen.
Also muss ich mich gedanklich im Jetzt halten.
Ich lasse meine Gedanken nicht in die Zukunft wandern, sondern fokussiere auf meinen Körper und die Sinneseindrücke:

  • Es fühlt sich gut an mich aufwärts zu bewegen.
  • Der Waldboden ist weich
  • meine Schuhe haben guten Halt
  • die fast schon nächtlichen Stimmung ist schön.

Nur wenn ich darüber nachdenke, dass hier in kurzer Zeit das Licht ausgeht, übersehe ich das.

Nach 30 Minuten steht plötzlich ein Wegweiser vor mir. “Emmetten 50 Minuten” steht da.
Mein Bauchgefühl hatte recht: es gibt die Abzweigung, die ich erhofft hatte.
Schon nach 20 Minuten lichtet sich der Wald.

Überraschung: ausserhalb des Waldes ist es noch ziemlich hell.
Hell genug um in Ruhe zur Busstation Sagendorf zu laufen, wo ich 10 Minuten später vom Postauto, das nur alle Stunden einmal fährt, mitgenommen werde.


Zentral für das Finden und Verwirklichen Deiner Lebensziele ist die Strategie 10:
Nimm Deine Ängste wahr und lerne sie zu steuern.


 

*Quelle: der Mann der glücklich sein wollte” von Laurent Gounelle

 

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